Heidi Specker
D’Elsi
14.9. – 3.11.2007
Im Rahmen der am Freitag den 14. September 2007 in den Räumen der Galerie fiedler contemporary eröffnenden Ausstellung zeigen wir die jüngste Arbeit von Heidi Specker: "D'Elsi".
Für "D'Elsi" reiste Specker in die Schweiz nach Davos und damit nach Graubünden, in das Engadin und das Tessin.
Die Arbeit zeigt erstmals im Werk der Künstlerin Portraitfotografien. Mehr vor als neben Bildfragmenten, Landschaftsaufnahmen und den für Specker charakteristischen Details fordern die Portraits ihr Recht, betrachtet zu werden, in aller Dezenz ein. Auch in "D'Elsi" richtet sich Speckers Blick auf das Organische, dessen Textur und Struktur; auf Bäume, Astgabelungen und Grün; ganz in der Tradition ihrer Serie "Im Garten" (2003), so scheint es. Doch weicht in "D'Elsi" das Grafische einer Kontextualisierung, die die Portraitaufnahmen erzwingen.
Speckers Landschaften haben eine Protagonistin gewonnen, Elsi, die sich zwischen den Blick der Künstlerin und das Bild schiebt, einen zweiten Blick auf das Sichtbare, den der Betrachter langsam zu verrechnen beginnt mit Geräuschen und Stimmen. Unvermittelt scheinen Bilder Geruch zu entwickeln und dabei zu zitieren, ganz ohne sentimental zu sein oder die Absicht nostalgischer Belebung. Haute Couture hinter einem Schaufenster etwa wird undatierbar und behauptet seinen Wert durch die Abwesenheit und Synchronität von Zeiten. Gleichzeitigkeiten geraten in den Blick von Betrachter und Elsi, deren Portrait Alter und Zeit ungeklärt und letztlich unrelevant erscheinen lassen. Sie evozieren damit, wenn nicht ein Prinzip des Simultanen, zumindest die Frage danach. Und doch gibt es eine Chronologie in Speckers neuester Arbeit, wie sie gemeinhin Erzähltes aufweist; eine feste Wegstrecke, die aber dem Auge das Vagabundieren nicht verbietet. Der reflexartige Wunsch, die Gerüche zu neutralisieren – ist es der des Betrachters oder der der Protagonistin? Zwischen diesen wünschenden Blicken oszilliert Speckers Arbeit und geizt nicht mit tröstlichem Versprechen. Unruhe, Verflechtung von Textilem, Landschaft und Material auf der einen Seite, auf der anderen: Schutz, Kühlung und Diskretion durch Glasscheiben, einen Vorhang, ein Wasserspiegel, ein Azurblau oder ein Antlitz in Bronze.
Auch in "D'Elsi" kein Bild bei Specker, kein Bild das rätselhaft im Motiv ist, weil dieses abstrakt wäre, wohl aber die Verführung zur Abstraktion im Sichtbaren - trotz Speckers eigener, konsequenter Konkretheit im Blick.
Bettina Andrae
Wie die vorangegangenen Arbeiten wird auch "D'Elsi" durch eine Publikation begleitet werden. - D'Elsi, Steidl Göttingen, 2008.
Heidi Specker vertritt die Professur für Fotografie und Medien an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.
"D'Elsi" wird als Teil der von Thomas Weski für die ifa kuratierten Gruppenausstellung "Darstellung I Vorstellung" weltweit wandern.
Es wird eine Edition, "D'Elsi-Tessin", bestehend aus 4 Pigmentdrucken
(Mappe, Format A4) erhältlich sein.
Thomas Weski, Chefkurator Haus der Kunst, München
im Gespräch mit Heidi Specker, Berlin und Leipzig
Thomas Weski: Gibt es eine fotografische Haltung, die Du schätzt und teilst?
Heidi Specker: Ja, die des Autoren. Und damit meine ich eine Haltung und Sprache,
die sich durch Eigenheit auszeichnet. Das ist der Schatz. Dabei spielt es für
mich keine Rolle, ob fotografisch, anders bildnerisch, musikalisch oder literarisch.
Mir geht es vor allem umdie künstlerische Haltung selbst. Darum etwas zu wagen.
TW: Ist es nicht im Medium Fotografie schwierig, neue Räume aufzumachen?
Welche Möglichkeiten siehst Du da?
HS: Das kommt mir in anderen Medien nicht mehr oder weniger schwierig
vor. Die Räume dahinter wollen beschrieben werden. Um konkret zu
werden: Ich habe mich bewußt entschlossen mit dem Erzählen zu
beginnen. Ich sehe diesen Weg als Möglichkeit, mich von meinen
bisherigen Arbeiten, Methoden wieder freizumachen.
TW: In dem Titel Deiner neuen Arbeit, "D'Elsi", klingt das
Erzählerische an. Gibt es in Deiner Arbeit über diesen Menschen einen
Anfang und ein Ende?
HS: Am Anfang war die Idee, eine literarische Vorlage zu verwenden.
Literatur als Stoff, um Personen in Bilder zu übertragen, Portraits
zu machen. Das ist der neue Raum bei mir, vorher war ja alles
menschenleer. Der Zauberberg von Thomas Mann war Anlass für mich nach
Davos zu fahren. Dort bin ich dann Elsi begegnet. Wie soll ich das
sagen? Ich habe mich zwar mittlerweile von der Romanvorlage entfernt
und das war auch so gedacht, zirkuliere aber um das gleiche Thema und
um eine Person. Ich habe eine Darstellerin, Elsi als Protagonistin,
und fotografiere weiterhin am gleichen Ort. Aber mit Elsi kam
Ingeborg Bachmann ins Spiel und damit eine andere Haltung zum
Erzählen und die Bilder zeigen Davos vor allem als ökologische Bühne.
TW: Romanvorlage, Elsi, Klima... Wie jetzt?
HS: Thomas Mann und sein Zauberberg als Ausgangspunkt, Elsi als
Hauptdarstellerin und mit ihr Ingeborg Bachmann, Davos als
kränkelndes Szenario. Alles andere als ein Plot, aber die Geschichte
ist ja noch nicht zu Ende...